Die rechteckigen Lichter werden kleiner

Die Schlange vor dem Glastor wird länger. Immer mehr müde New Yorker, die nach einem langen Tag froh sind, das Büro verlassen zu können, reihen sich hintereinander auf. Menschen, die glücklich sind, der Enge Manhattans zu entfliehen und die Ruhe zu Hause genießen zu können. Das kaltweiße Licht in dem Raum verdrängt die letzten Sonnenstrahlen von draußen. Um diese Uhrzeit sind hier nur noch wenige Touristen. Zumindest kommt es mir so vor.
In dem Moment, indem die Sonne erlischt, kommt die Fähre an. Ich stelle mich an die Reling und frage mich sofort, wie so viele sich ins Innere der Fähre setzen können ohne die Aussicht zu genießen. Wie schnell das Außergewöhnliche doch zur Routine wird.
Die hell erleuchteten Hochhäuser bilden auf dem dunklen Wasser eine neue, ganz eigene Welt. Diese spiegelt eine Wärme wieder, die die Stadt auf den ersten Blick gar nicht ausstrahlt. Endlich atme ich Luft ein, die nicht mehr so stickig ist, wie in den Gassen der Wolkenkratzer.
Die rechteckigen Lichter werden kleiner und kleiner, bis man die Hochhäuser schließlich zwischen den Fingern halten kann. Um alle Stockwerke zu überblicken, muss man den Blick nicht stetig nach oben richten, sondern kann ihn einfach gerade halten.
Wann hast du dich das letzte Mal von der Schönheit überwältigt gefühlt? Wann hast du das letzte Mal gelacht, bis die der Bauch wehtat? Wann hast du das letzte Mal einfach das gemacht, was du wolltest, ohne auf die anderen zu hören?
Für mich wird es wieder Zeit. Die Freiheitsstatue weist mir den Weg und ich drehe mich um. Wende mich ab von den anziehenden Leuchttürmen Manhattans, hin zur anderen Seite, in die Dunkelheit.

Rechteckige Lichter

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Nächster Stopp: New York

Sonnenuntergang

Das Flugzeug setzt sich in Bewegung. Endlich. Seit stunden bin ich schon unterwegs und bereits so fertig, dass es unglaubwürdig scheint, dass die eigentliche Reise noch gar nicht begonnen hat. Eine Stewardess, deren Lippenstift so perfekt auf ihre Uniform abgestimmt ist, dass ich mich instinktiv für meinen unordentlichen Zopf und meinen Schlabberpulli schäme, beginnt mit der Sicherheitseinweisung. Wie immer versuche ich mir alles genau einzuprägen, aber wie sonst auch, bin ich zu aufgeregt und habe Minuten später schon wieder alles vergessen. Wir werden schon nicht abstürzen. Hoffentlich.
Das Flugzeug wird schneller, immer und immer schneller. Meine Finger krallen sich um die Armlehne und ich schließe meine Augen. Schlagartig wird mein Vertrauen in die Technik kleiner. In dem Moment, in dem das Flugzeug den Bodenkontakt verliert, fühlt es sich an, als würde etwas in mir nach unten fallen, während der Rest von meinem Körper fliegen will. Gleichzeitig steigt etwas in mir empor – Anspannung und Erleichterung, Freude und Traurigkeit, Verunsicherung und Entschlossenheit. Gefühle, die nicht zusammenpassen wollen und trotzdem perfekt harmonieren. Die Heftigkeit, mit der ich plötzlich wieder empfinden kann, erschrickt mich. Ich schlucke und öffne meine Augen genau in dem Moment, in dem die Anschnallzeichen ausgehen. Das Ausgehen der Warnleuchte scheint auch die verknoteten Gefühle in meiner Brust zu lösen. Oder zumindest zu lockern.
Weit unter mir gleitet die Welt entlang. Es tut gut zu merken, wie sich immer mehr Kilometer zwischen mich und mein gewohntes Leben schieben. Ich bleibe sitzen und starre unentwegt aus dem Fenster. Ich bin auf dem Weg nach Amerika. Und auf dem Weg zu mir selbst ein kleines Stückchen weiter, das hoffe ich zumindest. Der erste Stopp wird New York sein. Genau, Stopp ist das richtige Wort – ein Stopp des Stresses, der Sorgen, vielleicht ein Stopp der Selbstzweifel. Ein paar Tage Großstadtluft schnuppern, so sieht der Plan aus. Dann weiter, egal wohin, Hauptsache ans Meer. Weitere Pläne gibt es nicht, außer, dass ich Plätze sehen will, die mich spüren lassen, wie klein ich und meine Probleme doch sind. Am besten ganz viele davon.
Verbleibende Flugzeit: 7 Stunden, informiert mich das Display vor mir. 7 Stunden, um mich zu überzeugen, dass ich schon klarkommen werde, das erste Mal so weit weg von zu Hause. 7 Stunden, um mir einzureden, dass ich das Richtige tue. 7 Stunden, um mir vorzuspielen, dass das, was ich mache, kein Weglaufen ist.

Flugzeugfenster

Welt, du machst mich blind

Die Welt dreht sich wieder zu schnell für mich.
Ich fühle mich wie ein Kind, das man einfach in ein Karussell gesetzt hat, in das es eigentlich gar nicht wollte. Weil es ja angeblich Spaß macht.
Die Erdanziehungskraft verlässt mich. Wo ist oben, wo ist unten? Mein Magen verdreht sich. Ich fliege. Nein, ich falle.
Noch eine Runde. Dieselbe Runde.
Das Leben gleitet an mir vorbei, wird zu einem einzigen Schemen aus Farben und Licht. Welt, du machst mich blind.

Riesenrad

Übers Anfangen

Die ersten Schritte in Freiheit

Das erste Mal im Meer Schwimmen
Der erste Schultag
Das erste Mal Lippen auf Lippen
Der erste Blogeintrag
Es gibt für alles ein erstes Mal

Das erste Zugehen auf einen Fremden
Das erste Wort einer Entschuldigung
Das erste Mal Weggehen, ohne sich umzudrehen
Der erste Blogeintrag
Oft fällt Anfangen schwer

Der erste Satz in einer wichtigen Klausur
Das erste Wort eines Vortrages
Der erste Akkord bei einem Konzert
Der erste Blogeintrag
Nicht selten gehen Anfänge schief
Aber ich bin mir sicher, auch aus schlechten Anfängen kann noch etwas Großartiges werden. Wer nicht anfängt, hat auch nicht die Chance aufzuhören.