Wiedersehen

Wiedersehen

Statt in ihre Augen schaust du auf ihre Kaffeetasse. Wie sie sich immer weiter leert. Obwohl sie kaum Pausen macht beim Reden. Dein Kaffee ist kalt geworden. Abgestanden. Du hättest niemals gedacht, dass du sie so lange nicht sehen würdest. Und erst recht nicht, dass euer Wiedersehen in einem Museumscafé in Wien stattfinden würde. So viele Kilometer von eurer Heimat entfernt.
„Medizin, 3. Semester; und du?“ „Praktikum“, immer noch. Du fühlst dich schlecht.
WG Leben sei auf Dauer zu anstrengend, sie würde bald in die erste gemeinsame Wohnung mit ihrem Freund ziehen. Der natürlich aussieht wie ein Model. Aha. Du nickst und hoffst, dass du dabei lächelst.
Sie redet ununterbrochen, doch ihre Stimme ist für dich nur eine gleichmäßige Melodie, die sich über die Szene legt. Dein Blick wandert zu ihrer Hand, die neben ihrer Tasse liegt. Ihre rot manikürten Nägel harmonieren perfekt mit ihrem Outfit. Ihr Handgelenk ziert ein Armband mit der Gravur irgendeiner Marke, die du nicht kennst. Wahrscheinlich verdammt teuer. Du erinnerst dich an Zeiten, in denen ihr Schminken für unnötig und Markenklamotten für lächerlich gehalten habt. An Sommer voller Badeseen, Wasserschachten,  Sternenhimmel, Fahrradtouren, Strohballen, Zitroneneis und Philosophiebücher. Aber die Sommer scheinen vorbei zu sein. Die Sonnencreme ist abgewaschen, die Fahrräder verrostet und die Philosophiebücher längst vergessen. Draußen ist es kalt und du verkriechst dich in deinem Pullover.
Ihr Klingelton reißt dich aus deinen Gedanken. Es ist irgendein albernes Lied aus den Charts, das du nicht leiden kannst. Der Anruf scheint wichtig zu sein, auf jeden Fall wird ihre Stimme künstlich hoch als sie redet. Hektisch kramt sie in ihrer Tasche und legt einen 10 Euroschein auf den Tisch. Ihre Augen sehen traurig aus, als sie sagt, dass sie weg müsse.
„Es tut mir leid. Wir müssen uns bald wiedersehen.“ „Auf jeden Fall“, sagst du, aber nur weil du weißt, dass dies eins der Versprechen ist, die sie nicht einhalten wird. Sie rauscht davon, aber dreht sich im Gehen nochmal um. „Ich habe dich vermisst.“ Keine Ahnung, ob sie das ernst meint. Du würdest ja gerne das gleiche erwidern. Stattdessen bringst du ein Lächeln zu Stande, welches sie aber ohnehin nicht sieht, weil sie sich längst wieder umgedreht hat. Dir ist klar geworden, dass du nicht sie vermisst hast, sondern die Person, die sie mal war, eure Zeit.

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13 Gedanken zu “Wiedersehen

  1. Vermutlich hat sie ihn vermisst „weil man sich mit ihm so gut unterhalten kann“.

    Kenne auch so eine Person. Früher Jesuslatschen, alternatives Denken etc; heute business casual und Gedanken die mir fremd vorkamen. Sowas muss man dann loslassen.

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  2. Guter Text. Das Gefühl der Fremdheit und der Unterlegenheit kenn ich gut. Warte mal 10-20 Jahre, dann sind die Perfekten mit ihren großen Plänen auf der Nase gelandet oder angeödet -oft. Das Cafe auf dem Bild ist in einem Museum in Wien, nicht? Da haben wir mal gesessen, gestaunt und am Ende nicht gezahlt, weil der Kellner uns vergessen hatte 🙂

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  3. Scha schreibt:

    Am Anfang dachte ich, die Geschichte wäre über ein ehemaliges Liebespaar, das sich wieder trifft. Dass es tatsächlich aber um Freundinnen geht, macht es für mich noch lebensechter, so etwas habe ich auch schon erlebt, es ist nicht schön, wobei man dabei auch merkt, daß nicht nur das Gegenüber sich verändert hat, sondern meist man selbst auch. Und wenn man sich wohl fühlt, wie man ist, ist das ja eine schöne Sache 🙂
    Die Perspektive, in der du schreibst, gefällt mir sehr gut, das ist mal was anderes 🙂

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    • Da hast du Recht, meistens merkt man erst bei solchen Treffen, wie sehr man sich selbst über die Zeit verändert hat. Da trennen sich dann eben manche Wege, dafür kann man ganz neue sehen.
      Ja, ich fand es auch sehr interessant mal in der Perspektive zu schreiben.
      Vielen Dank für deine lieben Worte! 🙂

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