Sonnenaufgangs- melodie

Sonnenaufgangsmelodie(1) Sonnenaufgangsmelodie(5)

Das Wasser in deinen Augen. Der Sonnenaufgang in deinem Blick. Du strahlst mich an.
Die Uhr zeigt 5:37. Der Markusplatz ist leer. Endlich keine Touristen hier. Obwohl, eigentlich sind wir das ja selbst, Touristen. Aber anstatt zu versuchen das beste Erinnerungsfoto mit einer Taube auf dem Arm zu machen und albern mit Selfiesticks rumzuhantieren, setzen wir uns einfach auf den Boden und beobachten wie die Sonne langsam hinter dem Markusdom emporsteigt.

Sonnenaufgangsmelodie(3)

Die Melodie von Venedig erklingt in unseren Ohren, lässt unsere Herzen endlich wieder im gleichen Rhythmus schlagen. Ja, wir können über Vergangenes lachen, endlich haben wir es geschafft. Und wenn ich dich nicht verstehen kann, ist mir das egal, ich habe dich wieder lachen gesehen, wenn auch nur dieses eine Mal.

Sonnenaufgangsmelodie(2)

Irgendwann stehst du auf. Willst zum Canale Grande sagst du. Den Stadtplan hältst du falsch herum. Ich sage nichts. Beim gemeinsamen Verlaufen haben wir bisher doch die Schönsten Orte gefunden.

Sonnenaufgangsmelodie(4)

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Das Meer meiner Tränen

Das Meer meiner Tränen (2)

Wir segeln auf dem Meer meiner Tränen.
Die Zeit wurde von einer Windböe weggefegt.
Mir hat keiner gesagt, dass es einfach sein würde Kurs zu halten, aber es hat mich auch niemand gewarnt, wie schwierig sein würde. Zum Glück weißt wenigstens du, was bei Gegenwind zu tun ist. Du erzählst mir von schlimmeren Unwettern und ich bin froh, nicht alleine zu sein.
Dank dir ist das Meer nicht mehr so tief und beängstigend. Dank dir weiß ich, dass man das Land aus den Augen verlieren muss um neues zu entdecken. Dass ich hier richtig bin. Weil Schiffe nicht dafür gemacht sind, im Hafen zu bleiben.

Das Meer meiner Tränen (1)

Im Kerzenschein

Im Kerzenschein

Vor mir das Blatt Papier. Der Traum liegt zersplittert am Boden.
Mein Schreibtisch im Kerzenschein. Die Sehnsucht schwimmt im Fluss des Lebens. Die Zeit zwischen heute und damals ertrinkt.
Der Füller in meiner Hand. Zeit für einen Brief voller Wahrheit an dich.
Die Füllerspitze senkt sich in Richtung Papier.
Eigentlich wollte ich nicht mehr mit dir über meine Gefühle sprechen. Aber jetzt gerade ist das einzige, was ich will, deine Arme an meinem Rücken zu spüren. Und meine an deinem. Jede einzelne Stelle spüren, an der sich unsere Körper berühren. Deinen Geruch einatmen und darin untergehen. Das Pochen deines Herzen spüren, ruhig und regelmäßig, so dass auch meins wieder weiß, in welcher Geschwindigkeit normale Herzen schlagen. Ich will mich endlich wieder so geborgen fühlen, wie ich es nur in deinen Armen konnte. Aber ich weiß, dass das nicht geht. Selbst wenn du hier sein würdest, könnte es nie mehr so werden wie immer. Die Wut würde aufkochen und ich würde dich wegstoßen wegen dem, was du getan hast. Was du mir angetan hast.
In den Stunden, in denen nur noch eine Kerze mein Zimmer erhellt, verstehe ich für einen Moment die Gründe für dein Handeln. Die Wut wird überschattet von Trauer. Das Unverständnis erleuchtet von Erkenntnis. Manchmal bewirkt die Wärme des Lichts eine ganz eigene Art des Verzeihens. Flüstert mir ein, dass ich dasselbe tun könnte. Aber sobald ich das Vogelgezwitscher höre, ist da wieder die Wut und ich bin erschrocken, wie gut ich dich in der Nacht verstanden habe.
Ja, ich begreife manchmal nicht diese Sache, die Leben genannt wird. Dir ging es wahrscheinlich genauso. Doch durch dich habe ich gelernt, dass alles seinen Preis hat. Aber auch seinen Wert.
Der Füller in meiner Hand zittert. Das Papier ist immer noch leer. Ohne dich haben die Worte  keinen Sinn mehr. Worthülsen – Ummantelungen einer Wahrheit, die nie ausgedrückt werden kann.  Die Wörter werden zu Wendeltreppen, die immer weiter ins Dunkel führen.
Ich falte das leere Papier und stecke es in den bereits beschrifteten Umschlag. Könntest du ihn jemals öffnen, würdest du verstehen.

Die letzte Strophe (Teil 2/2)

Brennendes Herz

Strophe 4
Das Lagerfeuer ist die einzige Wärmequelle in der kalten Oktobernacht. Wir rücken enger zusammen. Die Flammen spiegeln sich in den Augen des Franzosen neben mir, der mich schon den ganzen Abend so herausfordernd anlächelt. Seine Finger tanzen über die Saiten seiner Gitarre. Seine rauchige und zugleich sanfte Stimme jagt mir ein Schauer über den Rücken. Schmerzlich erfreut erkenne ich das Lied. Das Feuer ist nicht mehr vor mir, sondern in mir. Es füllt mich. Aus. Brennt die Leere weg. Die Musik wird zum einzigen Licht in meiner Dunkelheit. Leuchtet während jedes andere Feuer schon erloschen ist. Die Spanierin auf meiner anderen Seite stimmt mit ein, dann der Finne mir gegenüber und die beiden Mexikaner neben dem Jungen mit der Gitarre. Die Flammen in seinem Lächeln, als er merkt, dass alle mitsingen. Unser Gesang übertönt das laute Knacken des Feuers und wird hinausgetragen, hoch, bis in den Sternenhimmel.

Strophe 5
Auf der einen Seite ziehen die Berge und Gletscher am Fenster des Jeeps vorbei, auf der anderen Seite kann ich ein Silberstreif des Meeres erkennen. Es ist mittlerweile spät abends, doch es bleibt hell, die ganze Nacht. Erfüllt von den Erlebnissen des Tages, der zauberhaften Natur, den gigantischen Wasserfällen und der Weite lehne ich mich zurück. Ich kann das Isländisch des Radiomoderators nicht verstehen, doch es klingt fabelhaft. Die ersten Klänge eines Liedes dringen aus den Lautsprechern des Autos und auf einmal wird es still. Die Lippen meiner Mutter bewegen sich weiter, doch es kommt kein Ton mehr heraus, das Lachen meiner Familie erfriert. Für einen Moment denke ich daran, das Radio einfach auszustellen oder besser rauszureißen. Stattdessen schließe ich meine Augen. Es tut gut zu wissen, wie wir gerade alle an die gleiche Person denken. Wie wir uns alle fragen, was passiert wäre, wenn der Unfall nicht gewesen wäre. Uns vorstellen, wie wir ihm von den wunderbaren Erlebnissen dieser Reise berichten. Und wie seine Augen leuchten würden. Wir sind angekommen an unserem Ferienhaus, mein Vater packt ein, doch keiner macht Anstalten das Auto zu verlassen, bevor nicht der letzte Ton verklungen ist. Endlich fühle ich wieder das, was ich auch immer gespürt habe, wenn ich das Lied mit meinem Opa gehört habe – Geborgenheit.

Die letzte Strophe
Jetzt stehe ich auf dem Platz, umgeben von Menschen, die Bühne vor mir. Erfreut von der Musik, die wir schon gehört haben, gespannt auf das, was noch kommen wird. Schöner könnte der Sommertag nicht sein.
Die Sängerin kündigt ihr nächstes Lied an. Irgendwie hatte ich schon das Gefühl, dass ich heute genau dieses Lied hören würde. Meine beste Freundin drückt mitfühlend meine Hand und lächelt mich traurig an. Glücklich lächle ich zurück.
Die Zeit verfliegt und dann spielt sie auch schon den letzten Ton. Der kurze Augenblick Stille, der folgt ist fast noch berührender als die Musik selbst. Das Publikum hält für einen Moment den Atem an. Für mich, für den Morgen am Strand, für das Feuer, für den isländischen Radiosender. Für meinen Großvater.
Dann der erste Ton des nächsten Liedes. Sie singt von Vergangenheit, ich drehe mich um.

Die letzte Strophe (Teil 1/2)

Die letzte Stophe (1)

Strophe 1
Schon bevor mein Großvater die Tür öffnet, kommt mir der Geruch von frischgebackenem Apfelstrudel und heißer Schokolade entgegen. Unwillkürlich muss ich lächeln. Als er vor mir steht wird mein Lächeln nur noch breiter. Ich springe in seine Arme wie ich es schon als kleines Kind gemacht habe. Damals hob er mich hoch, über seinen Kopf, heute muss ich aufpassen dass ich nicht zu stürmisch bin. Seine faltigen Finger verschränken sich in meinen.
Die Abendsonne fällt zwischen den schweren Vorhängen ins Wohnzimmer. Der Tisch ist bereits gedeckt, inklusive Plattenspieler. Bevor er auch nur ein Wort gesagt hat, setzt er wie in Zeitlupe die Nadel auf die Platte. So wie immer. Für einen kleinen Moment verschwindet jede Einsamkeit aus seinem Blick und er grinst mich jungenhaft an.
Es ist sein Lied, es ist unser Lied.
Ich habe nie hinterfragt, wieso genau dieses Lied. Es war einfach so. Ihn nie gefragt, ob es eine besondere Bedeutung für ihn hat. Für uns beide hat es eine. Wahrscheinlich hat er mir das Lied schon in der Wiege vorgespielt, anders kann ich mir nicht erklären, wie es mir so in Fleisch und But übergegangen sein kann. Es drückt die Verbundenheit zwischen uns aus, wie es sonst keine Worte können.
Mit 10 meine ersten kläglichen Versuche, das Lied auf Geige zu spielen, bis ich es irgendwann doch hinbekommen habe und es ihm schließlich an seinem Geburtstag vorgespielt habe. Die stundenlange Suche auf Flohmärkten und in Plattenläden, um genau diese Version der Schallplatte zu finden, nachdem die alte irgendwann zu zerkratzt war. Jedes Mal, wenn ich sein Lächeln in seinen Augen sehe, weiß ich, es hat sich gelohnt.
„Prost“, unsere beiden Kakaobecher kirren. Ich schmecke Geborgenheit. Das Gefühl, dass an diesem Ort niemals etwas Schlimmes passieren wird. Die Gewissheit, dass ich, auch wenn meine Welt zusammenbricht immer wieder an diesen Ort zurückkommen kann, diesem Lied lauschen, Kakao trinken und stundenlang seinen Geschichten zuhören kann. Und dass dann wieder alles gut sein wird.

Strophe 2
Meine Füße tragen mich weiter, wollen noch mehr Spuren auf dem unberührten Sand hinterlassen. Es ist leer hier, so früh morgens geht noch keiner an den Strand. Der Wind ist kalt, aber die gerade aufgegangene Sonne spiegelt sich bereits in den Wogen des Meeres. Irgendwann bleibe ich stehen, setzte mich in den Sand, rechts und links neben mir kilometerweiter Strand ohne irgendein Lebenszeichen. Ich ziehe meinen Schal enger und atme die frische Luft ein.
Für diesen Moment gibt es nur ein passendes Lied, kann es nur ein passendes Lied geben. Meine Finger zittern als ich die Play-Taste auf meinem MP3-Player drücke. Ich schließe meine Augen, als die allzu vertrauten Klänge mein Ohr fluten, das erste Mal seit seinem Tod. Die Melodie gelangt an mein Ohr, irgendwann an mein Herz. Der Gesang vermischt mit dem Geschrei der Möwen und dem Rauschen der Wellen, so hätte es ihm gefallen. Meine Tränen schmecken salzig wie das Meer.

Strophe 3
Eigentlich müssten wir frieren in unseren Miniröcken. Mitten in der Nacht. Auf die Bahn wartend. Doch wir sind aufgeheizt von der lauten Musik, dem Scheinwerfergeflacker und dem Geschrei. Das schrille Lachen noch in den Ohren, dringt die Stille der schlafenden Stadt langsam an mein Ohr. Es soll nicht vorbei sein. Mein Herz soll nicht wieder langsamer schlagen, meine Welt soll nicht aufhören sich zu drehen, ich will mich weiter lebendig fühlen. Feierlich reiche ich meiner besten Freundin einen meiner Kopfhörer und drehe voll auf. Wir beginnen zu tanzen, auf dem Bahnsteig. Sind verrückt, verrückt nach dem Moment.
Zufallswiedergabe ist keine gute Idee. Als die allzu vertrauten Klänge an mein Ohr dringen, drücke ich weiter. Nicht jetzt.