Nächster Stopp: New York

Sonnenuntergang

Das Flugzeug setzt sich in Bewegung. Endlich. Seit stunden bin ich schon unterwegs und bereits so fertig, dass es unglaubwürdig scheint, dass die eigentliche Reise noch gar nicht begonnen hat. Eine Stewardess, deren Lippenstift so perfekt auf ihre Uniform abgestimmt ist, dass ich mich instinktiv für meinen unordentlichen Zopf und meinen Schlabberpulli schäme, beginnt mit der Sicherheitseinweisung. Wie immer versuche ich mir alles genau einzuprägen, aber wie sonst auch, bin ich zu aufgeregt und habe Minuten später schon wieder alles vergessen. Wir werden schon nicht abstürzen. Hoffentlich.
Das Flugzeug wird schneller, immer und immer schneller. Meine Finger krallen sich um die Armlehne und ich schließe meine Augen. Schlagartig wird mein Vertrauen in die Technik kleiner. In dem Moment, in dem das Flugzeug den Bodenkontakt verliert, fühlt es sich an, als würde etwas in mir nach unten fallen, während der Rest von meinem Körper fliegen will. Gleichzeitig steigt etwas in mir empor – Anspannung und Erleichterung, Freude und Traurigkeit, Verunsicherung und Entschlossenheit. Gefühle, die nicht zusammenpassen wollen und trotzdem perfekt harmonieren. Die Heftigkeit, mit der ich plötzlich wieder empfinden kann, erschrickt mich. Ich schlucke und öffne meine Augen genau in dem Moment, in dem die Anschnallzeichen ausgehen. Das Ausgehen der Warnleuchte scheint auch die verknoteten Gefühle in meiner Brust zu lösen. Oder zumindest zu lockern.
Weit unter mir gleitet die Welt entlang. Es tut gut zu merken, wie sich immer mehr Kilometer zwischen mich und mein gewohntes Leben schieben. Ich bleibe sitzen und starre unentwegt aus dem Fenster. Ich bin auf dem Weg nach Amerika. Und auf dem Weg zu mir selbst ein kleines Stückchen weiter, das hoffe ich zumindest. Der erste Stopp wird New York sein. Genau, Stopp ist das richtige Wort – ein Stopp des Stresses, der Sorgen, vielleicht ein Stopp der Selbstzweifel. Ein paar Tage Großstadtluft schnuppern, so sieht der Plan aus. Dann weiter, egal wohin, Hauptsache ans Meer. Weitere Pläne gibt es nicht, außer, dass ich Plätze sehen will, die mich spüren lassen, wie klein ich und meine Probleme doch sind. Am besten ganz viele davon.
Verbleibende Flugzeit: 7 Stunden, informiert mich das Display vor mir. 7 Stunden, um mich zu überzeugen, dass ich schon klarkommen werde, das erste Mal so weit weg von zu Hause. 7 Stunden, um mir einzureden, dass ich das Richtige tue. 7 Stunden, um mir vorzuspielen, dass das, was ich mache, kein Weglaufen ist.

Flugzeugfenster

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