Puzzle

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Augen zu. Unglaublich nah. Momente, die so perfekt sind, das sie keine Geigenmusik brauchen. Die Zukunft ist jetzt und wir können sie so rosig malen wie wir wollen.

Augen auf. Meine eigenen Lügen greifen mich an. Unzumutbar weit weg.
Wir verrennen uns in unseren Köpfen, ohne das Problem zu begreifen. Sehnen uns nach neuen Ideen und klammern uns gleichzeitig an die alten. Finden nicht die richtige Melodie in unseren Welten voller Lärm.

Augen zu. Unsicher liebend. Ungeliebt fühlend. Im Spiegelkabinett der Herzen.
Unvernünftig handelnd. Unwillig hingebend. Von den Düften des Glückes beeindruckt, von den unumgänglichen Zufällen betört. Leichtfüßig spazieren wir über die Wiese des Vertrauens.
Eine andere Zeit. Ein anderer Ort. Eines Tages. Vielleicht. Für immer?

Augen auf. Hier und jetzt. Unentschieden habe ich es beschlossen. Weil das Naheliegendste zerplatzt ist, das Erträumte zu hoch erschien und das Mögliche ungreifbar war. Weil allein schon unser Zusammentreffen zu wunderbar wirkte. Weil es nicht sein sollte oder wir es einfach nicht wollten.
Wir stehen uns gegenüber. Entblößt. In unsere Unwissenheit gekleidet.
Unmöglich. Unsagbar. Diese Worte. Meine Zunge ist bleischwer, doch meine Lippen bewegen sich.
Dein Blick erstarrt, dein Gesicht erfriert. Und zerbricht in tausend Teile. Dein Lächeln liegt zersplittert am Boden. Ich hebe eine Scherbe auf und spiegle mich in ihr.

Augen zu. Augen auf. Das Spiegelbild verschwimmt. Ganz alleine meine Aufgabe. Das Puzzle bleibt unlösbar. Nur jetzt oder für immer?

Sonnenaufgangs- melodie

Sonnenaufgangsmelodie(1) Sonnenaufgangsmelodie(5)

Das Wasser in deinen Augen. Der Sonnenaufgang in deinem Blick. Du strahlst mich an.
Die Uhr zeigt 5:37. Der Markusplatz ist leer. Endlich keine Touristen hier. Obwohl, eigentlich sind wir das ja selbst, Touristen. Aber anstatt zu versuchen das beste Erinnerungsfoto mit einer Taube auf dem Arm zu machen und albern mit Selfiesticks rumzuhantieren, setzen wir uns einfach auf den Boden und beobachten wie die Sonne langsam hinter dem Markusdom emporsteigt.

Sonnenaufgangsmelodie(3)

Die Melodie von Venedig erklingt in unseren Ohren, lässt unsere Herzen endlich wieder im gleichen Rhythmus schlagen. Ja, wir können über Vergangenes lachen, endlich haben wir es geschafft. Und wenn ich dich nicht verstehen kann, ist mir das egal, ich habe dich wieder lachen gesehen, wenn auch nur dieses eine Mal.

Sonnenaufgangsmelodie(2)

Irgendwann stehst du auf. Willst zum Canale Grande sagst du. Den Stadtplan hältst du falsch herum. Ich sage nichts. Beim gemeinsamen Verlaufen haben wir bisher doch die Schönsten Orte gefunden.

Sonnenaufgangsmelodie(4)

Wiedersehen

Wiedersehen

Statt in ihre Augen schaust du auf ihre Kaffeetasse. Wie sie sich immer weiter leert. Obwohl sie kaum Pausen macht beim Reden. Dein Kaffee ist kalt geworden. Abgestanden. Du hättest niemals gedacht, dass du sie so lange nicht sehen würdest. Und erst recht nicht, dass euer Wiedersehen in einem Museumscafé in Wien stattfinden würde. So viele Kilometer von eurer Heimat entfernt.
„Medizin, 3. Semester; und du?“ „Praktikum“, immer noch. Du fühlst dich schlecht.
WG Leben sei auf Dauer zu anstrengend, sie würde bald in die erste gemeinsame Wohnung mit ihrem Freund ziehen. Der natürlich aussieht wie ein Model. Aha. Du nickst und hoffst, dass du dabei lächelst.
Sie redet ununterbrochen, doch ihre Stimme ist für dich nur eine gleichmäßige Melodie, die sich über die Szene legt. Dein Blick wandert zu ihrer Hand, die neben ihrer Tasse liegt. Ihre rot manikürten Nägel harmonieren perfekt mit ihrem Outfit. Ihr Handgelenk ziert ein Armband mit der Gravur irgendeiner Marke, die du nicht kennst. Wahrscheinlich verdammt teuer. Du erinnerst dich an Zeiten, in denen ihr Schminken für unnötig und Markenklamotten für lächerlich gehalten habt. An Sommer voller Badeseen, Wasserschachten,  Sternenhimmel, Fahrradtouren, Strohballen, Zitroneneis und Philosophiebücher. Aber die Sommer scheinen vorbei zu sein. Die Sonnencreme ist abgewaschen, die Fahrräder verrostet und die Philosophiebücher längst vergessen. Draußen ist es kalt und du verkriechst dich in deinem Pullover.
Ihr Klingelton reißt dich aus deinen Gedanken. Es ist irgendein albernes Lied aus den Charts, das du nicht leiden kannst. Der Anruf scheint wichtig zu sein, auf jeden Fall wird ihre Stimme künstlich hoch als sie redet. Hektisch kramt sie in ihrer Tasche und legt einen 10 Euroschein auf den Tisch. Ihre Augen sehen traurig aus, als sie sagt, dass sie weg müsse.
„Es tut mir leid. Wir müssen uns bald wiedersehen.“ „Auf jeden Fall“, sagst du, aber nur weil du weißt, dass dies eins der Versprechen ist, die sie nicht einhalten wird. Sie rauscht davon, aber dreht sich im Gehen nochmal um. „Ich habe dich vermisst.“ Keine Ahnung, ob sie das ernst meint. Du würdest ja gerne das gleiche erwidern. Stattdessen bringst du ein Lächeln zu Stande, welches sie aber ohnehin nicht sieht, weil sie sich längst wieder umgedreht hat. Dir ist klar geworden, dass du nicht sie vermisst hast, sondern die Person, die sie mal war, eure Zeit.

Flügel

Magnolien

F
Warum nicht einfach mal die Augen schließen und den Duft der Blumen riechen?
R
Warum nicht einfach mal den Weg weitergehen ohne zu zweifeln, ob es der richtige ist?
E
Was wäre wenn wir das Glück mit offenen Armen empfangen, anstatt danach zu suchen?
I
Hand in Hand. Blicke verschränkt. Nach viel zu langer Zeit.

Möwe

H
Warum nicht einfach mal seine Flügel ausbreiten und merken, dass der Wind einen trägt?
E
Warum nicht einfach mal nur den blauen Streifen am Himmel sehen und die Wolken ignorieren?
I
Was wäre, wenn wir uns in die Augen sehen ohne Angst vor der Wahrheit zu haben?
T
Keine Fragen mehr.  Kein „Was wäre wenn“.  Nur die Träume in unserem Herzen und die Freiheit in unseren Adern.

Fesseln

Beschneite Haare

Deine Stille schreit mich an. Der schrille Ton. Des Klaviers. Die Gitarrensaite. Tod-
Ich renne vor dir weg und gleichzeitig in deine Arme. Schreie lachend.
Wenn ich dich sehe. Deine Nähe.
Mein Herz erblüht. Die Pflanzen. Fesseln mich.
Ich lache dich an. Deine Augen. Lachen mich aus. Ziehen mich aus. Knöpfen mich zu.
Nächte fließen. Über dein Gesicht. Morgensonne beschneit. Meine Haare.
Blut tropft. Rot. Aus deinen Adern. In meine.
Deine Lippen. An meinem Hals. Ich ziehe dich. An mich. Rache.
Deine Finger elektrisieren. Meine Haut. Schließen sich. Um meinen Hals.

Dornen

Die Rosen versteckt hinter deinem Rücken, der Strauß in deiner Hand, das Strahlen in deinen Augen, das Lächeln auf meinem Gesicht, die Worte aus deinem Mund, die Freude in meinem Bauch, die perfekte Anordnung der Rosenblätter. Ihr Duft, der Duft nach einem Versprechen, das nie ausgesprochen wurde.

Rosen mit Dornen

Analog fotografiert

Und ich habe mich wirklich gefreut, mein Lächeln war echt. Aber jetzt stehen die Rosen seit ein paar Tagen auf meiner Fensterbank und ich frage mich, warum du sie abgeschnitten hast, wenn sie doch hätten weiterleben können. Warum ich ihnen beim Verwelken zusehe und nichts dagegen tun kann. Und warum meine Finger bluten, bluten wenn ich versuche, sie zu umklammern.
Wieso ist so etwas Perfektes so verletzend? – Vielleicht, weil gar nichts wirklich perfekt ist. Selbst die schönsten Blumen nicht. Und wie kann dann ein Moment perfekt sein, eine Entscheidung? Wahrscheinlich warte ich auf den perfekten Zeitpunkt, obwohl ich weiß, dass der Zeitpunkt niemals perfekter sein wird, als jetzt. Aber was, wenn ich den Startschuss verpasse? Was, wenn ich am Abgrund stehe und einfach weitergehe? Ausversehen. Und wäre es absichtlich, wäre es dann schlimmer?
Und wieder deine Worte „Du musst wissen, was du willst, hör einfach auf dein Herz.“ Aber was, wenn ich nicht verstehe, was mein Herz mir sagen will? Was, wenn mein Herz aus 1000 Stimmen besteht, die mir alle ins Ohr schreien?
Was, wenn das einzige, was mir bleibt verwelkte Rosen auf meiner Fensterbank sind? Vielleicht komme ich ja auch an, wenn ich einfach stehen bleibe. Aus jedem Punkt wird ein Komma. Wann ist endlich das letzte letzte Mal?
Ich hasse mich dafür, dass ich am Ende bin, obwohl ich nicht mal angefangen habe. Dafür, dass ich mein Bestes gebe, trotzdem scheitere und mich dann frage, ob es wirklich schon mein Bestes war. Hasse mich dafür, dass ich mich hasse.
Hasse meine Rosen dafür, dass sie Dornen haben.

Die letzte Strophe (Teil 2/2)

Brennendes Herz

Strophe 4
Das Lagerfeuer ist die einzige Wärmequelle in der kalten Oktobernacht. Wir rücken enger zusammen. Die Flammen spiegeln sich in den Augen des Franzosen neben mir, der mich schon den ganzen Abend so herausfordernd anlächelt. Seine Finger tanzen über die Saiten seiner Gitarre. Seine rauchige und zugleich sanfte Stimme jagt mir ein Schauer über den Rücken. Schmerzlich erfreut erkenne ich das Lied. Das Feuer ist nicht mehr vor mir, sondern in mir. Es füllt mich. Aus. Brennt die Leere weg. Die Musik wird zum einzigen Licht in meiner Dunkelheit. Leuchtet während jedes andere Feuer schon erloschen ist. Die Spanierin auf meiner anderen Seite stimmt mit ein, dann der Finne mir gegenüber und die beiden Mexikaner neben dem Jungen mit der Gitarre. Die Flammen in seinem Lächeln, als er merkt, dass alle mitsingen. Unser Gesang übertönt das laute Knacken des Feuers und wird hinausgetragen, hoch, bis in den Sternenhimmel.

Strophe 5
Auf der einen Seite ziehen die Berge und Gletscher am Fenster des Jeeps vorbei, auf der anderen Seite kann ich ein Silberstreif des Meeres erkennen. Es ist mittlerweile spät abends, doch es bleibt hell, die ganze Nacht. Erfüllt von den Erlebnissen des Tages, der zauberhaften Natur, den gigantischen Wasserfällen und der Weite lehne ich mich zurück. Ich kann das Isländisch des Radiomoderators nicht verstehen, doch es klingt fabelhaft. Die ersten Klänge eines Liedes dringen aus den Lautsprechern des Autos und auf einmal wird es still. Die Lippen meiner Mutter bewegen sich weiter, doch es kommt kein Ton mehr heraus, das Lachen meiner Familie erfriert. Für einen Moment denke ich daran, das Radio einfach auszustellen oder besser rauszureißen. Stattdessen schließe ich meine Augen. Es tut gut zu wissen, wie wir gerade alle an die gleiche Person denken. Wie wir uns alle fragen, was passiert wäre, wenn der Unfall nicht gewesen wäre. Uns vorstellen, wie wir ihm von den wunderbaren Erlebnissen dieser Reise berichten. Und wie seine Augen leuchten würden. Wir sind angekommen an unserem Ferienhaus, mein Vater packt ein, doch keiner macht Anstalten das Auto zu verlassen, bevor nicht der letzte Ton verklungen ist. Endlich fühle ich wieder das, was ich auch immer gespürt habe, wenn ich das Lied mit meinem Opa gehört habe – Geborgenheit.

Die letzte Strophe
Jetzt stehe ich auf dem Platz, umgeben von Menschen, die Bühne vor mir. Erfreut von der Musik, die wir schon gehört haben, gespannt auf das, was noch kommen wird. Schöner könnte der Sommertag nicht sein.
Die Sängerin kündigt ihr nächstes Lied an. Irgendwie hatte ich schon das Gefühl, dass ich heute genau dieses Lied hören würde. Meine beste Freundin drückt mitfühlend meine Hand und lächelt mich traurig an. Glücklich lächle ich zurück.
Die Zeit verfliegt und dann spielt sie auch schon den letzten Ton. Der kurze Augenblick Stille, der folgt ist fast noch berührender als die Musik selbst. Das Publikum hält für einen Moment den Atem an. Für mich, für den Morgen am Strand, für das Feuer, für den isländischen Radiosender. Für meinen Großvater.
Dann der erste Ton des nächsten Liedes. Sie singt von Vergangenheit, ich drehe mich um.