Im Kerzenschein

Im Kerzenschein

Vor mir das Blatt Papier. Der Traum liegt zersplittert am Boden.
Mein Schreibtisch im Kerzenschein. Die Sehnsucht schwimmt im Fluss des Lebens. Die Zeit zwischen heute und damals ertrinkt.
Der Füller in meiner Hand. Zeit für einen Brief voller Wahrheit an dich.
Die Füllerspitze senkt sich in Richtung Papier.
Eigentlich wollte ich nicht mehr mit dir über meine Gefühle sprechen. Aber jetzt gerade ist das einzige, was ich will, deine Arme an meinem Rücken zu spüren. Und meine an deinem. Jede einzelne Stelle spüren, an der sich unsere Körper berühren. Deinen Geruch einatmen und darin untergehen. Das Pochen deines Herzen spüren, ruhig und regelmäßig, so dass auch meins wieder weiß, in welcher Geschwindigkeit normale Herzen schlagen. Ich will mich endlich wieder so geborgen fühlen, wie ich es nur in deinen Armen konnte. Aber ich weiß, dass das nicht geht. Selbst wenn du hier sein würdest, könnte es nie mehr so werden wie immer. Die Wut würde aufkochen und ich würde dich wegstoßen wegen dem, was du getan hast. Was du mir angetan hast.
In den Stunden, in denen nur noch eine Kerze mein Zimmer erhellt, verstehe ich für einen Moment die Gründe für dein Handeln. Die Wut wird überschattet von Trauer. Das Unverständnis erleuchtet von Erkenntnis. Manchmal bewirkt die Wärme des Lichts eine ganz eigene Art des Verzeihens. Flüstert mir ein, dass ich dasselbe tun könnte. Aber sobald ich das Vogelgezwitscher höre, ist da wieder die Wut und ich bin erschrocken, wie gut ich dich in der Nacht verstanden habe.
Ja, ich begreife manchmal nicht diese Sache, die Leben genannt wird. Dir ging es wahrscheinlich genauso. Doch durch dich habe ich gelernt, dass alles seinen Preis hat. Aber auch seinen Wert.
Der Füller in meiner Hand zittert. Das Papier ist immer noch leer. Ohne dich haben die Worte  keinen Sinn mehr. Worthülsen – Ummantelungen einer Wahrheit, die nie ausgedrückt werden kann.  Die Wörter werden zu Wendeltreppen, die immer weiter ins Dunkel führen.
Ich falte das leere Papier und stecke es in den bereits beschrifteten Umschlag. Könntest du ihn jemals öffnen, würdest du verstehen.

Muster

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Vorwurfsvoll sagt er ihr, dass sie sich verändert hätte. „Zum Glück“, sagt sie.
Ihr war egal, wo sie war, Hauptsache dabei. Egal, wie sie war, Hauptsache beliebt. Freiwillig trug sie eine falsche Uniform. Um jeden Preis ins Muster passen.
Jetzt tanzt sie immer noch, aber nicht auf Partys, auf denen sie ist, um dazu zu gehören, sondern aus der Reihe. Sie lacht immer noch, aber nicht mit Leuten, deren Mund erst lächelt und dann lästert. Sie redet immer noch, aber nicht über Dinge, die sie gar nicht interessieren.
Sie läuft nicht mehr mit, sondern davon.
Und wenn wegen ihr die ganze Konstruktion zusammenbricht, ist sie stolz darauf. Wenn die Fassade einstürzt, die Fassade der fröhlichen Gesichter von traurigen Mädchen. Sie wollte nicht mehr glücklich aussehen, sie wollte glücklich sein. Über den Wolken zu schweben ist gar nicht so schwer. Und welcher freigelassene Vogel fliegt schon zurück in seinen Käfig?
Schwarz-weiß in einer Welt voller Farbe. Weniger bunt, weniger glamourös, dafür mit mehr Kontrasten, echter. Sie bestimmt das Muster. Und manchmal ist sie gerne gepunktet in einer Welt voller Streifen.

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Großstadtflut

Großstadtflut

Ich laufe durch die Stadt. Wo soll ich hin?
Die höchsten Hochhäuser in allen Lagen.
Sie drohen mich zu erschlagen.
Ich weiß nicht, wo ich bin.
Kalte Großstadtlichter versuchen mich zu ertränken.
Menschen und Pflanzen auf engstem Raum.
Werbetafeln versuchen Blicke auf sich zu lenken.
Der Traum einer perfekten Stadt bleibt Schaum.
So hell und doch so dunkel.
Entflammt. Entlarvt. Enttäuscht.

Laute Musik zieht ins Zentrum hinein.
Viel zu viele Menschen. Hektisches Treiben.
Kein Platz zum Bleiben.
Fühle mich erschreckend klein.
Verzehrter Musik- und Stimmenschall.
Aufgesetzte Fröhlichkeit und Heiterkeit, die alles überragen.
Schicke Kostümchen überall.
Hier werden Masken zur Schau getragen.
So laut und doch so leise.
Geliebt. Gehasst. Gefangen.

Häuser, kilometerhoch scheint es mir.
Wohnungen wie Schuhschachteln übereinander gebaut.
Kein Fenster, aus dem man hätte rausgeschaut.
Wände dünner als ein Blatt Papier.
Nachbarn hören mich lachen, schreien und weinen.
Aber sie haben keine Lust zu fragen.
Sie haben ihre eigenen Aufgaben, was sie auch seien.
Eigene Aufgaben, an denen sie verzagen.
So groß und doch so klein.
Aufgereiht. Aufgetürmt. Aufgegeben.

Kein Raum für Ideen.
Gedanken jagen.
Gewissensbisse plagen.
Niemand versucht mich zu verstehen.
Fühle mich überall überwacht.
Kameras, die mich sehen.
Werde von falschen Versprechungen angelacht.
Es gibt nichts, wohin ich kann unbeobachtet gehen.
So viel und doch so wenig.
Verfolgt. Verloren. Vertrieben.

Stille

Stille. Nur ich alleine. Gedanken fallen, rennen, jagen, lachen mich aus. Drehen, kreisen, überschlagen sich.
Stille. Sie steigt aus der Gemeinde auf. Gemeinsam geschaffen, genau wie die berührenden Melodien zuvor. Wie ein Nebel hüllt sie uns alle ein, gibt uns Raum zum Existieren. Nachzudenken, zu leben.
Stille. Ohne zu reden, kann man sich selber besser zuhören.
Stille. Wir schweigen gemeinsam alleine. Die Gedanken werden langsamer, lassen mich einholen.
Stille. Gedanken richten sich aus, finden eine Gemeinsamkeit. Fokussieren sich auf das, was wichtig ist. Hoffnung, Liebe, Geborgenheit.
Stille. Kraftvoller und kostbarer als jedes Wort.
Stille. Nicht nur außerhalb, sondern endlich auch in meinem Kopf.

Stille

Vielleicht

Vielleicht

Vielleicht werden wir eines Tages erzählen, anstatt zu berichten
Sehen, anstatt zu schauen
Lachen, anstatt zu lächeln
Lieben, anstatt zu mögen
Leben, anstatt zu überleben
Nachdenken, anstatt zu überdenken
Verstehen, anstatt zu lernen
Rennen, anstatt zu laufen
Schreien, anstatt zu rufen
Abschließen, anstatt aufzugeben
Schweigen, anstatt die Stille zu ertragen
Und ganz vielleicht werden wir das sogar gemeinsam

Die rechteckigen Lichter werden kleiner

Die Schlange vor dem Glastor wird länger. Immer mehr müde New Yorker, die nach einem langen Tag froh sind, das Büro verlassen zu können, reihen sich hintereinander auf. Menschen, die glücklich sind, der Enge Manhattans zu entfliehen und die Ruhe zu Hause genießen zu können. Das kaltweiße Licht in dem Raum verdrängt die letzten Sonnenstrahlen von draußen. Um diese Uhrzeit sind hier nur noch wenige Touristen. Zumindest kommt es mir so vor.
In dem Moment, indem die Sonne erlischt, kommt die Fähre an. Ich stelle mich an die Reling und frage mich sofort, wie so viele sich ins Innere der Fähre setzen können ohne die Aussicht zu genießen. Wie schnell das Außergewöhnliche doch zur Routine wird.
Die hell erleuchteten Hochhäuser bilden auf dem dunklen Wasser eine neue, ganz eigene Welt. Diese spiegelt eine Wärme wieder, die die Stadt auf den ersten Blick gar nicht ausstrahlt. Endlich atme ich Luft ein, die nicht mehr so stickig ist, wie in den Gassen der Wolkenkratzer.
Die rechteckigen Lichter werden kleiner und kleiner, bis man die Hochhäuser schließlich zwischen den Fingern halten kann. Um alle Stockwerke zu überblicken, muss man den Blick nicht stetig nach oben richten, sondern kann ihn einfach gerade halten.
Wann hast du dich das letzte Mal von der Schönheit überwältigt gefühlt? Wann hast du das letzte Mal gelacht, bis die der Bauch wehtat? Wann hast du das letzte Mal einfach das gemacht, was du wolltest, ohne auf die anderen zu hören?
Für mich wird es wieder Zeit. Die Freiheitsstatue weist mir den Weg und ich drehe mich um. Wende mich ab von den anziehenden Leuchttürmen Manhattans, hin zur anderen Seite, in die Dunkelheit.

Rechteckige Lichter