Die letzte Strophe (Teil 1/2)

Die letzte Stophe (1)

Strophe 1
Schon bevor mein Großvater die Tür öffnet, kommt mir der Geruch von frischgebackenem Apfelstrudel und heißer Schokolade entgegen. Unwillkürlich muss ich lächeln. Als er vor mir steht wird mein Lächeln nur noch breiter. Ich springe in seine Arme wie ich es schon als kleines Kind gemacht habe. Damals hob er mich hoch, über seinen Kopf, heute muss ich aufpassen dass ich nicht zu stürmisch bin. Seine faltigen Finger verschränken sich in meinen.
Die Abendsonne fällt zwischen den schweren Vorhängen ins Wohnzimmer. Der Tisch ist bereits gedeckt, inklusive Plattenspieler. Bevor er auch nur ein Wort gesagt hat, setzt er wie in Zeitlupe die Nadel auf die Platte. So wie immer. Für einen kleinen Moment verschwindet jede Einsamkeit aus seinem Blick und er grinst mich jungenhaft an.
Es ist sein Lied, es ist unser Lied.
Ich habe nie hinterfragt, wieso genau dieses Lied. Es war einfach so. Ihn nie gefragt, ob es eine besondere Bedeutung für ihn hat. Für uns beide hat es eine. Wahrscheinlich hat er mir das Lied schon in der Wiege vorgespielt, anders kann ich mir nicht erklären, wie es mir so in Fleisch und But übergegangen sein kann. Es drückt die Verbundenheit zwischen uns aus, wie es sonst keine Worte können.
Mit 10 meine ersten kläglichen Versuche, das Lied auf Geige zu spielen, bis ich es irgendwann doch hinbekommen habe und es ihm schließlich an seinem Geburtstag vorgespielt habe. Die stundenlange Suche auf Flohmärkten und in Plattenläden, um genau diese Version der Schallplatte zu finden, nachdem die alte irgendwann zu zerkratzt war. Jedes Mal, wenn ich sein Lächeln in seinen Augen sehe, weiß ich, es hat sich gelohnt.
„Prost“, unsere beiden Kakaobecher kirren. Ich schmecke Geborgenheit. Das Gefühl, dass an diesem Ort niemals etwas Schlimmes passieren wird. Die Gewissheit, dass ich, auch wenn meine Welt zusammenbricht immer wieder an diesen Ort zurückkommen kann, diesem Lied lauschen, Kakao trinken und stundenlang seinen Geschichten zuhören kann. Und dass dann wieder alles gut sein wird.

Strophe 2
Meine Füße tragen mich weiter, wollen noch mehr Spuren auf dem unberührten Sand hinterlassen. Es ist leer hier, so früh morgens geht noch keiner an den Strand. Der Wind ist kalt, aber die gerade aufgegangene Sonne spiegelt sich bereits in den Wogen des Meeres. Irgendwann bleibe ich stehen, setzte mich in den Sand, rechts und links neben mir kilometerweiter Strand ohne irgendein Lebenszeichen. Ich ziehe meinen Schal enger und atme die frische Luft ein.
Für diesen Moment gibt es nur ein passendes Lied, kann es nur ein passendes Lied geben. Meine Finger zittern als ich die Play-Taste auf meinem MP3-Player drücke. Ich schließe meine Augen, als die allzu vertrauten Klänge mein Ohr fluten, das erste Mal seit seinem Tod. Die Melodie gelangt an mein Ohr, irgendwann an mein Herz. Der Gesang vermischt mit dem Geschrei der Möwen und dem Rauschen der Wellen, so hätte es ihm gefallen. Meine Tränen schmecken salzig wie das Meer.

Strophe 3
Eigentlich müssten wir frieren in unseren Miniröcken. Mitten in der Nacht. Auf die Bahn wartend. Doch wir sind aufgeheizt von der lauten Musik, dem Scheinwerfergeflacker und dem Geschrei. Das schrille Lachen noch in den Ohren, dringt die Stille der schlafenden Stadt langsam an mein Ohr. Es soll nicht vorbei sein. Mein Herz soll nicht wieder langsamer schlagen, meine Welt soll nicht aufhören sich zu drehen, ich will mich weiter lebendig fühlen. Feierlich reiche ich meiner besten Freundin einen meiner Kopfhörer und drehe voll auf. Wir beginnen zu tanzen, auf dem Bahnsteig. Sind verrückt, verrückt nach dem Moment.
Zufallswiedergabe ist keine gute Idee. Als die allzu vertrauten Klänge an mein Ohr dringen, drücke ich weiter. Nicht jetzt.

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