Das Meer meiner Tränen

Das Meer meiner Tränen (2)

Wir segeln auf dem Meer meiner Tränen.
Die Zeit wurde von einer Windböe weggefegt.
Mir hat keiner gesagt, dass es einfach sein würde Kurs zu halten, aber es hat mich auch niemand gewarnt, wie schwierig sein würde. Zum Glück weißt wenigstens du, was bei Gegenwind zu tun ist. Du erzählst mir von schlimmeren Unwettern und ich bin froh, nicht alleine zu sein.
Dank dir ist das Meer nicht mehr so tief und beängstigend. Dank dir weiß ich, dass man das Land aus den Augen verlieren muss um neues zu entdecken. Dass ich hier richtig bin. Weil Schiffe nicht dafür gemacht sind, im Hafen zu bleiben.

Das Meer meiner Tränen (1)

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Die letzte Strophe (Teil 1/2)

Die letzte Stophe (1)

Strophe 1
Schon bevor mein Großvater die Tür öffnet, kommt mir der Geruch von frischgebackenem Apfelstrudel und heißer Schokolade entgegen. Unwillkürlich muss ich lächeln. Als er vor mir steht wird mein Lächeln nur noch breiter. Ich springe in seine Arme wie ich es schon als kleines Kind gemacht habe. Damals hob er mich hoch, über seinen Kopf, heute muss ich aufpassen dass ich nicht zu stürmisch bin. Seine faltigen Finger verschränken sich in meinen.
Die Abendsonne fällt zwischen den schweren Vorhängen ins Wohnzimmer. Der Tisch ist bereits gedeckt, inklusive Plattenspieler. Bevor er auch nur ein Wort gesagt hat, setzt er wie in Zeitlupe die Nadel auf die Platte. So wie immer. Für einen kleinen Moment verschwindet jede Einsamkeit aus seinem Blick und er grinst mich jungenhaft an.
Es ist sein Lied, es ist unser Lied.
Ich habe nie hinterfragt, wieso genau dieses Lied. Es war einfach so. Ihn nie gefragt, ob es eine besondere Bedeutung für ihn hat. Für uns beide hat es eine. Wahrscheinlich hat er mir das Lied schon in der Wiege vorgespielt, anders kann ich mir nicht erklären, wie es mir so in Fleisch und But übergegangen sein kann. Es drückt die Verbundenheit zwischen uns aus, wie es sonst keine Worte können.
Mit 10 meine ersten kläglichen Versuche, das Lied auf Geige zu spielen, bis ich es irgendwann doch hinbekommen habe und es ihm schließlich an seinem Geburtstag vorgespielt habe. Die stundenlange Suche auf Flohmärkten und in Plattenläden, um genau diese Version der Schallplatte zu finden, nachdem die alte irgendwann zu zerkratzt war. Jedes Mal, wenn ich sein Lächeln in seinen Augen sehe, weiß ich, es hat sich gelohnt.
„Prost“, unsere beiden Kakaobecher kirren. Ich schmecke Geborgenheit. Das Gefühl, dass an diesem Ort niemals etwas Schlimmes passieren wird. Die Gewissheit, dass ich, auch wenn meine Welt zusammenbricht immer wieder an diesen Ort zurückkommen kann, diesem Lied lauschen, Kakao trinken und stundenlang seinen Geschichten zuhören kann. Und dass dann wieder alles gut sein wird.

Strophe 2
Meine Füße tragen mich weiter, wollen noch mehr Spuren auf dem unberührten Sand hinterlassen. Es ist leer hier, so früh morgens geht noch keiner an den Strand. Der Wind ist kalt, aber die gerade aufgegangene Sonne spiegelt sich bereits in den Wogen des Meeres. Irgendwann bleibe ich stehen, setzte mich in den Sand, rechts und links neben mir kilometerweiter Strand ohne irgendein Lebenszeichen. Ich ziehe meinen Schal enger und atme die frische Luft ein.
Für diesen Moment gibt es nur ein passendes Lied, kann es nur ein passendes Lied geben. Meine Finger zittern als ich die Play-Taste auf meinem MP3-Player drücke. Ich schließe meine Augen, als die allzu vertrauten Klänge mein Ohr fluten, das erste Mal seit seinem Tod. Die Melodie gelangt an mein Ohr, irgendwann an mein Herz. Der Gesang vermischt mit dem Geschrei der Möwen und dem Rauschen der Wellen, so hätte es ihm gefallen. Meine Tränen schmecken salzig wie das Meer.

Strophe 3
Eigentlich müssten wir frieren in unseren Miniröcken. Mitten in der Nacht. Auf die Bahn wartend. Doch wir sind aufgeheizt von der lauten Musik, dem Scheinwerfergeflacker und dem Geschrei. Das schrille Lachen noch in den Ohren, dringt die Stille der schlafenden Stadt langsam an mein Ohr. Es soll nicht vorbei sein. Mein Herz soll nicht wieder langsamer schlagen, meine Welt soll nicht aufhören sich zu drehen, ich will mich weiter lebendig fühlen. Feierlich reiche ich meiner besten Freundin einen meiner Kopfhörer und drehe voll auf. Wir beginnen zu tanzen, auf dem Bahnsteig. Sind verrückt, verrückt nach dem Moment.
Zufallswiedergabe ist keine gute Idee. Als die allzu vertrauten Klänge an mein Ohr dringen, drücke ich weiter. Nicht jetzt.

Großstadtflut

Großstadtflut

Ich laufe durch die Stadt. Wo soll ich hin?
Die höchsten Hochhäuser in allen Lagen.
Sie drohen mich zu erschlagen.
Ich weiß nicht, wo ich bin.
Kalte Großstadtlichter versuchen mich zu ertränken.
Menschen und Pflanzen auf engstem Raum.
Werbetafeln versuchen Blicke auf sich zu lenken.
Der Traum einer perfekten Stadt bleibt Schaum.
So hell und doch so dunkel.
Entflammt. Entlarvt. Enttäuscht.

Laute Musik zieht ins Zentrum hinein.
Viel zu viele Menschen. Hektisches Treiben.
Kein Platz zum Bleiben.
Fühle mich erschreckend klein.
Verzehrter Musik- und Stimmenschall.
Aufgesetzte Fröhlichkeit und Heiterkeit, die alles überragen.
Schicke Kostümchen überall.
Hier werden Masken zur Schau getragen.
So laut und doch so leise.
Geliebt. Gehasst. Gefangen.

Häuser, kilometerhoch scheint es mir.
Wohnungen wie Schuhschachteln übereinander gebaut.
Kein Fenster, aus dem man hätte rausgeschaut.
Wände dünner als ein Blatt Papier.
Nachbarn hören mich lachen, schreien und weinen.
Aber sie haben keine Lust zu fragen.
Sie haben ihre eigenen Aufgaben, was sie auch seien.
Eigene Aufgaben, an denen sie verzagen.
So groß und doch so klein.
Aufgereiht. Aufgetürmt. Aufgegeben.

Kein Raum für Ideen.
Gedanken jagen.
Gewissensbisse plagen.
Niemand versucht mich zu verstehen.
Fühle mich überall überwacht.
Kameras, die mich sehen.
Werde von falschen Versprechungen angelacht.
Es gibt nichts, wohin ich kann unbeobachtet gehen.
So viel und doch so wenig.
Verfolgt. Verloren. Vertrieben.

Die rechteckigen Lichter werden kleiner

Die Schlange vor dem Glastor wird länger. Immer mehr müde New Yorker, die nach einem langen Tag froh sind, das Büro verlassen zu können, reihen sich hintereinander auf. Menschen, die glücklich sind, der Enge Manhattans zu entfliehen und die Ruhe zu Hause genießen zu können. Das kaltweiße Licht in dem Raum verdrängt die letzten Sonnenstrahlen von draußen. Um diese Uhrzeit sind hier nur noch wenige Touristen. Zumindest kommt es mir so vor.
In dem Moment, indem die Sonne erlischt, kommt die Fähre an. Ich stelle mich an die Reling und frage mich sofort, wie so viele sich ins Innere der Fähre setzen können ohne die Aussicht zu genießen. Wie schnell das Außergewöhnliche doch zur Routine wird.
Die hell erleuchteten Hochhäuser bilden auf dem dunklen Wasser eine neue, ganz eigene Welt. Diese spiegelt eine Wärme wieder, die die Stadt auf den ersten Blick gar nicht ausstrahlt. Endlich atme ich Luft ein, die nicht mehr so stickig ist, wie in den Gassen der Wolkenkratzer.
Die rechteckigen Lichter werden kleiner und kleiner, bis man die Hochhäuser schließlich zwischen den Fingern halten kann. Um alle Stockwerke zu überblicken, muss man den Blick nicht stetig nach oben richten, sondern kann ihn einfach gerade halten.
Wann hast du dich das letzte Mal von der Schönheit überwältigt gefühlt? Wann hast du das letzte Mal gelacht, bis die der Bauch wehtat? Wann hast du das letzte Mal einfach das gemacht, was du wolltest, ohne auf die anderen zu hören?
Für mich wird es wieder Zeit. Die Freiheitsstatue weist mir den Weg und ich drehe mich um. Wende mich ab von den anziehenden Leuchttürmen Manhattans, hin zur anderen Seite, in die Dunkelheit.

Rechteckige Lichter

Übers Anfangen

Die ersten Schritte in Freiheit

Das erste Mal im Meer Schwimmen
Der erste Schultag
Das erste Mal Lippen auf Lippen
Der erste Blogeintrag
Es gibt für alles ein erstes Mal

Das erste Zugehen auf einen Fremden
Das erste Wort einer Entschuldigung
Das erste Mal Weggehen, ohne sich umzudrehen
Der erste Blogeintrag
Oft fällt Anfangen schwer

Der erste Satz in einer wichtigen Klausur
Das erste Wort eines Vortrages
Der erste Akkord bei einem Konzert
Der erste Blogeintrag
Nicht selten gehen Anfänge schief
Aber ich bin mir sicher, auch aus schlechten Anfängen kann noch etwas Großartiges werden. Wer nicht anfängt, hat auch nicht die Chance aufzuhören.