Fesseln

Beschneite Haare

Deine Stille schreit mich an. Der schrille Ton. Des Klaviers. Die Gitarrensaite. Tod-
Ich renne vor dir weg und gleichzeitig in deine Arme. Schreie lachend.
Wenn ich dich sehe. Deine Nähe.
Mein Herz erblüht. Die Pflanzen. Fesseln mich.
Ich lache dich an. Deine Augen. Lachen mich aus. Ziehen mich aus. Knöpfen mich zu.
Nächte fließen. Über dein Gesicht. Morgensonne beschneit. Meine Haare.
Blut tropft. Rot. Aus deinen Adern. In meine.
Deine Lippen. An meinem Hals. Ich ziehe dich. An mich. Rache.
Deine Finger elektrisieren. Meine Haut. Schließen sich. Um meinen Hals.

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Die letzte Strophe (Teil 2/2)

Brennendes Herz

Strophe 4
Das Lagerfeuer ist die einzige Wärmequelle in der kalten Oktobernacht. Wir rücken enger zusammen. Die Flammen spiegeln sich in den Augen des Franzosen neben mir, der mich schon den ganzen Abend so herausfordernd anlächelt. Seine Finger tanzen über die Saiten seiner Gitarre. Seine rauchige und zugleich sanfte Stimme jagt mir ein Schauer über den Rücken. Schmerzlich erfreut erkenne ich das Lied. Das Feuer ist nicht mehr vor mir, sondern in mir. Es füllt mich. Aus. Brennt die Leere weg. Die Musik wird zum einzigen Licht in meiner Dunkelheit. Leuchtet während jedes andere Feuer schon erloschen ist. Die Spanierin auf meiner anderen Seite stimmt mit ein, dann der Finne mir gegenüber und die beiden Mexikaner neben dem Jungen mit der Gitarre. Die Flammen in seinem Lächeln, als er merkt, dass alle mitsingen. Unser Gesang übertönt das laute Knacken des Feuers und wird hinausgetragen, hoch, bis in den Sternenhimmel.

Strophe 5
Auf der einen Seite ziehen die Berge und Gletscher am Fenster des Jeeps vorbei, auf der anderen Seite kann ich ein Silberstreif des Meeres erkennen. Es ist mittlerweile spät abends, doch es bleibt hell, die ganze Nacht. Erfüllt von den Erlebnissen des Tages, der zauberhaften Natur, den gigantischen Wasserfällen und der Weite lehne ich mich zurück. Ich kann das Isländisch des Radiomoderators nicht verstehen, doch es klingt fabelhaft. Die ersten Klänge eines Liedes dringen aus den Lautsprechern des Autos und auf einmal wird es still. Die Lippen meiner Mutter bewegen sich weiter, doch es kommt kein Ton mehr heraus, das Lachen meiner Familie erfriert. Für einen Moment denke ich daran, das Radio einfach auszustellen oder besser rauszureißen. Stattdessen schließe ich meine Augen. Es tut gut zu wissen, wie wir gerade alle an die gleiche Person denken. Wie wir uns alle fragen, was passiert wäre, wenn der Unfall nicht gewesen wäre. Uns vorstellen, wie wir ihm von den wunderbaren Erlebnissen dieser Reise berichten. Und wie seine Augen leuchten würden. Wir sind angekommen an unserem Ferienhaus, mein Vater packt ein, doch keiner macht Anstalten das Auto zu verlassen, bevor nicht der letzte Ton verklungen ist. Endlich fühle ich wieder das, was ich auch immer gespürt habe, wenn ich das Lied mit meinem Opa gehört habe – Geborgenheit.

Die letzte Strophe
Jetzt stehe ich auf dem Platz, umgeben von Menschen, die Bühne vor mir. Erfreut von der Musik, die wir schon gehört haben, gespannt auf das, was noch kommen wird. Schöner könnte der Sommertag nicht sein.
Die Sängerin kündigt ihr nächstes Lied an. Irgendwie hatte ich schon das Gefühl, dass ich heute genau dieses Lied hören würde. Meine beste Freundin drückt mitfühlend meine Hand und lächelt mich traurig an. Glücklich lächle ich zurück.
Die Zeit verfliegt und dann spielt sie auch schon den letzten Ton. Der kurze Augenblick Stille, der folgt ist fast noch berührender als die Musik selbst. Das Publikum hält für einen Moment den Atem an. Für mich, für den Morgen am Strand, für das Feuer, für den isländischen Radiosender. Für meinen Großvater.
Dann der erste Ton des nächsten Liedes. Sie singt von Vergangenheit, ich drehe mich um.

Die letzte Strophe (Teil 1/2)

Die letzte Stophe (1)

Strophe 1
Schon bevor mein Großvater die Tür öffnet, kommt mir der Geruch von frischgebackenem Apfelstrudel und heißer Schokolade entgegen. Unwillkürlich muss ich lächeln. Als er vor mir steht wird mein Lächeln nur noch breiter. Ich springe in seine Arme wie ich es schon als kleines Kind gemacht habe. Damals hob er mich hoch, über seinen Kopf, heute muss ich aufpassen dass ich nicht zu stürmisch bin. Seine faltigen Finger verschränken sich in meinen.
Die Abendsonne fällt zwischen den schweren Vorhängen ins Wohnzimmer. Der Tisch ist bereits gedeckt, inklusive Plattenspieler. Bevor er auch nur ein Wort gesagt hat, setzt er wie in Zeitlupe die Nadel auf die Platte. So wie immer. Für einen kleinen Moment verschwindet jede Einsamkeit aus seinem Blick und er grinst mich jungenhaft an.
Es ist sein Lied, es ist unser Lied.
Ich habe nie hinterfragt, wieso genau dieses Lied. Es war einfach so. Ihn nie gefragt, ob es eine besondere Bedeutung für ihn hat. Für uns beide hat es eine. Wahrscheinlich hat er mir das Lied schon in der Wiege vorgespielt, anders kann ich mir nicht erklären, wie es mir so in Fleisch und But übergegangen sein kann. Es drückt die Verbundenheit zwischen uns aus, wie es sonst keine Worte können.
Mit 10 meine ersten kläglichen Versuche, das Lied auf Geige zu spielen, bis ich es irgendwann doch hinbekommen habe und es ihm schließlich an seinem Geburtstag vorgespielt habe. Die stundenlange Suche auf Flohmärkten und in Plattenläden, um genau diese Version der Schallplatte zu finden, nachdem die alte irgendwann zu zerkratzt war. Jedes Mal, wenn ich sein Lächeln in seinen Augen sehe, weiß ich, es hat sich gelohnt.
„Prost“, unsere beiden Kakaobecher kirren. Ich schmecke Geborgenheit. Das Gefühl, dass an diesem Ort niemals etwas Schlimmes passieren wird. Die Gewissheit, dass ich, auch wenn meine Welt zusammenbricht immer wieder an diesen Ort zurückkommen kann, diesem Lied lauschen, Kakao trinken und stundenlang seinen Geschichten zuhören kann. Und dass dann wieder alles gut sein wird.

Strophe 2
Meine Füße tragen mich weiter, wollen noch mehr Spuren auf dem unberührten Sand hinterlassen. Es ist leer hier, so früh morgens geht noch keiner an den Strand. Der Wind ist kalt, aber die gerade aufgegangene Sonne spiegelt sich bereits in den Wogen des Meeres. Irgendwann bleibe ich stehen, setzte mich in den Sand, rechts und links neben mir kilometerweiter Strand ohne irgendein Lebenszeichen. Ich ziehe meinen Schal enger und atme die frische Luft ein.
Für diesen Moment gibt es nur ein passendes Lied, kann es nur ein passendes Lied geben. Meine Finger zittern als ich die Play-Taste auf meinem MP3-Player drücke. Ich schließe meine Augen, als die allzu vertrauten Klänge mein Ohr fluten, das erste Mal seit seinem Tod. Die Melodie gelangt an mein Ohr, irgendwann an mein Herz. Der Gesang vermischt mit dem Geschrei der Möwen und dem Rauschen der Wellen, so hätte es ihm gefallen. Meine Tränen schmecken salzig wie das Meer.

Strophe 3
Eigentlich müssten wir frieren in unseren Miniröcken. Mitten in der Nacht. Auf die Bahn wartend. Doch wir sind aufgeheizt von der lauten Musik, dem Scheinwerfergeflacker und dem Geschrei. Das schrille Lachen noch in den Ohren, dringt die Stille der schlafenden Stadt langsam an mein Ohr. Es soll nicht vorbei sein. Mein Herz soll nicht wieder langsamer schlagen, meine Welt soll nicht aufhören sich zu drehen, ich will mich weiter lebendig fühlen. Feierlich reiche ich meiner besten Freundin einen meiner Kopfhörer und drehe voll auf. Wir beginnen zu tanzen, auf dem Bahnsteig. Sind verrückt, verrückt nach dem Moment.
Zufallswiedergabe ist keine gute Idee. Als die allzu vertrauten Klänge an mein Ohr dringen, drücke ich weiter. Nicht jetzt.

Großstadtflut

Großstadtflut

Ich laufe durch die Stadt. Wo soll ich hin?
Die höchsten Hochhäuser in allen Lagen.
Sie drohen mich zu erschlagen.
Ich weiß nicht, wo ich bin.
Kalte Großstadtlichter versuchen mich zu ertränken.
Menschen und Pflanzen auf engstem Raum.
Werbetafeln versuchen Blicke auf sich zu lenken.
Der Traum einer perfekten Stadt bleibt Schaum.
So hell und doch so dunkel.
Entflammt. Entlarvt. Enttäuscht.

Laute Musik zieht ins Zentrum hinein.
Viel zu viele Menschen. Hektisches Treiben.
Kein Platz zum Bleiben.
Fühle mich erschreckend klein.
Verzehrter Musik- und Stimmenschall.
Aufgesetzte Fröhlichkeit und Heiterkeit, die alles überragen.
Schicke Kostümchen überall.
Hier werden Masken zur Schau getragen.
So laut und doch so leise.
Geliebt. Gehasst. Gefangen.

Häuser, kilometerhoch scheint es mir.
Wohnungen wie Schuhschachteln übereinander gebaut.
Kein Fenster, aus dem man hätte rausgeschaut.
Wände dünner als ein Blatt Papier.
Nachbarn hören mich lachen, schreien und weinen.
Aber sie haben keine Lust zu fragen.
Sie haben ihre eigenen Aufgaben, was sie auch seien.
Eigene Aufgaben, an denen sie verzagen.
So groß und doch so klein.
Aufgereiht. Aufgetürmt. Aufgegeben.

Kein Raum für Ideen.
Gedanken jagen.
Gewissensbisse plagen.
Niemand versucht mich zu verstehen.
Fühle mich überall überwacht.
Kameras, die mich sehen.
Werde von falschen Versprechungen angelacht.
Es gibt nichts, wohin ich kann unbeobachtet gehen.
So viel und doch so wenig.
Verfolgt. Verloren. Vertrieben.