Amazi

Amazi(1)

Samstag, der 5. Tag in Ruanda. Die Gebäude sind heruntergekommen, die Einrichtung ist mehr als einfach, der Geruch streng. Die Wäscheleinen reichen nicht für alle Klamotten, die Schülerinnen und Schüler legen ihre handgewaschenen Sachen stattdessen auf den Boden. Aber sie lachen, rennen herum, machen Späße und starren uns natürlich an. Uns, die Weißen, die gekommen sind, um ihre Schule zu besichtigen, Geschenke dazulassen und dann auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden. Aber ihre Blicke sind nicht so bitter oder abwertend, wie ich es von der Straße schon fast gewohnt bin, sondern freundlich und neugierig.
Eins der Mädchen lächelt mich an und kommt auf mich zu. Das weiße Hemd der Schuluniform macht ihr Lachen noch strahlender. Ich bin überrascht, wie schnell wir ins Gespräch kommen. Sie wohnt in Kigali, ist jetzt seit 2 Jahren auf dem Internat, studiert dort Computer Science und zwinkert mir zu, als sie sagt, dass sie Hackerin werden will. Stolz zeigt sie mir ihr Bett in dem überfüllten Schlafsaal, sagt ein paar Worte auf Deutsch und lädt mich am Ende sogar zu ihr nach Hause ein. Ihre mit Perlen besetzten Flipflops werde ich wohl nicht so schnell vergessen. Traurig, dass wir uns vermutlich nie wieder sehen  werden, verabschieden wir uns.
Es gibt Mittagsessen, das extra für uns gekocht wurde, weil man uns das Schulessen nicht zumuten wollte. Ich fühle mich schlecht und frage mich, ob es hier irgendeinen Ort gibt, an dem für uns keine Ausnahme gemacht wird.
Neben der weiterführenden Schule ist noch eine Grundschule, die von einer kirchlichen Organisation getragen wird und  die Kindern Bildung ermöglicht, deren Familien den Schulbesuch sonst nicht bezahlen können. Die Kinder scharen sich um uns, lachen, wollen fotografiert werden, unsere Haut und Haare anfassen. Es ist unglaublich, wie sehr sie sich über Stifte, Luftballons und Seifenblasen freuen. Natürlich haben wir nicht genug für alle und ich habe Angst, dass wie mehr Streit verursachen als Freude bereiten.  Wir versuchen uns auf den Weg Richtung Auto zu machen, doch sie können nicht genug kriegen, wollen uns gar nicht gehen lassen.
Ein kleiner Junge macht mich auf sich aufmerksam. Seine Anziehsachen wirken viel zu groß für ihn und er blickt mich traurig aus seinen dunklen Augen an. Zuerst verstehe ich nicht, was er sagt, dann begreife ich, dass er nach Wasser fragt. „Amazi?“, frage ich, gut, dass ich im Kinyarwanda Unterricht aufgepasst habe. Er nickt, als ich die Flasche aus meiner Kameratasche ziehe. Das Leuchten und die Dankbarkeit in seinen großen Augen werden mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Amazi(2)

Die letzte Strophe (Teil 2/2)

Brennendes Herz

Strophe 4
Das Lagerfeuer ist die einzige Wärmequelle in der kalten Oktobernacht. Wir rücken enger zusammen. Die Flammen spiegeln sich in den Augen des Franzosen neben mir, der mich schon den ganzen Abend so herausfordernd anlächelt. Seine Finger tanzen über die Saiten seiner Gitarre. Seine rauchige und zugleich sanfte Stimme jagt mir ein Schauer über den Rücken. Schmerzlich erfreut erkenne ich das Lied. Das Feuer ist nicht mehr vor mir, sondern in mir. Es füllt mich. Aus. Brennt die Leere weg. Die Musik wird zum einzigen Licht in meiner Dunkelheit. Leuchtet während jedes andere Feuer schon erloschen ist. Die Spanierin auf meiner anderen Seite stimmt mit ein, dann der Finne mir gegenüber und die beiden Mexikaner neben dem Jungen mit der Gitarre. Die Flammen in seinem Lächeln, als er merkt, dass alle mitsingen. Unser Gesang übertönt das laute Knacken des Feuers und wird hinausgetragen, hoch, bis in den Sternenhimmel.

Strophe 5
Auf der einen Seite ziehen die Berge und Gletscher am Fenster des Jeeps vorbei, auf der anderen Seite kann ich ein Silberstreif des Meeres erkennen. Es ist mittlerweile spät abends, doch es bleibt hell, die ganze Nacht. Erfüllt von den Erlebnissen des Tages, der zauberhaften Natur, den gigantischen Wasserfällen und der Weite lehne ich mich zurück. Ich kann das Isländisch des Radiomoderators nicht verstehen, doch es klingt fabelhaft. Die ersten Klänge eines Liedes dringen aus den Lautsprechern des Autos und auf einmal wird es still. Die Lippen meiner Mutter bewegen sich weiter, doch es kommt kein Ton mehr heraus, das Lachen meiner Familie erfriert. Für einen Moment denke ich daran, das Radio einfach auszustellen oder besser rauszureißen. Stattdessen schließe ich meine Augen. Es tut gut zu wissen, wie wir gerade alle an die gleiche Person denken. Wie wir uns alle fragen, was passiert wäre, wenn der Unfall nicht gewesen wäre. Uns vorstellen, wie wir ihm von den wunderbaren Erlebnissen dieser Reise berichten. Und wie seine Augen leuchten würden. Wir sind angekommen an unserem Ferienhaus, mein Vater packt ein, doch keiner macht Anstalten das Auto zu verlassen, bevor nicht der letzte Ton verklungen ist. Endlich fühle ich wieder das, was ich auch immer gespürt habe, wenn ich das Lied mit meinem Opa gehört habe – Geborgenheit.

Die letzte Strophe
Jetzt stehe ich auf dem Platz, umgeben von Menschen, die Bühne vor mir. Erfreut von der Musik, die wir schon gehört haben, gespannt auf das, was noch kommen wird. Schöner könnte der Sommertag nicht sein.
Die Sängerin kündigt ihr nächstes Lied an. Irgendwie hatte ich schon das Gefühl, dass ich heute genau dieses Lied hören würde. Meine beste Freundin drückt mitfühlend meine Hand und lächelt mich traurig an. Glücklich lächle ich zurück.
Die Zeit verfliegt und dann spielt sie auch schon den letzten Ton. Der kurze Augenblick Stille, der folgt ist fast noch berührender als die Musik selbst. Das Publikum hält für einen Moment den Atem an. Für mich, für den Morgen am Strand, für das Feuer, für den isländischen Radiosender. Für meinen Großvater.
Dann der erste Ton des nächsten Liedes. Sie singt von Vergangenheit, ich drehe mich um.

3 Blöcke befreiender Regen

Befreiender Regen

Wir ignorieren, dass das Orange der Ampel sich längst im Bach auf der Straße spiegelt. Lassen uns gerne anhupen. Nach 2 Schritten steht das Wasser in meinen Schuhen. Ich beachte den Straßenhändler nicht, der mir einen überteuerten Regenschirm anbietet. Genieße jeden einzelnen Regentropfen auf meiner Haut. Ich lächle dich an. Liebe deinen verschmitzten Blick. Also los. 3 Blöcke befreiender Regen.
So leer habe ich den Central Park noch nicht gesehen. Einzig und allein ein Brautpaar kommt uns entgegen. Sie hält ihre weißen Schuhe in der Hand und trägt stattdessen Gummistiefel. Wahrscheinlich hatten sie sich ihre Hochzeit anders vorgestellt. Aber sie lächelt, strahlt ihn an.
Wir klettern auf die Felsen, rutschen dabei ab und lachen über uns. Sind wie euphorische Kinder, als wir die beste Aussicht gefunden haben. Wir sehen in die Fensterfronten, die nun nicht mehr an den Wolken kratzen, sondern von ihnen umhüllt sind. Die merkwürdige Stille, die uns umgibt, möchte die Magie des Augenblicks unterstützen. Ich spüre deinen warmen Atem im meinem Nacken. Du wirst niemals verstehen, was mir dieser kleine Moment bedeutet. Aber ich will, dass du weißt, auch wenn das hier bald vorbei sein wird, es waren niemals bloß leere Worte.

Der Bach auf der Straße

Die rechteckigen Lichter werden kleiner

Die Schlange vor dem Glastor wird länger. Immer mehr müde New Yorker, die nach einem langen Tag froh sind, das Büro verlassen zu können, reihen sich hintereinander auf. Menschen, die glücklich sind, der Enge Manhattans zu entfliehen und die Ruhe zu Hause genießen zu können. Das kaltweiße Licht in dem Raum verdrängt die letzten Sonnenstrahlen von draußen. Um diese Uhrzeit sind hier nur noch wenige Touristen. Zumindest kommt es mir so vor.
In dem Moment, indem die Sonne erlischt, kommt die Fähre an. Ich stelle mich an die Reling und frage mich sofort, wie so viele sich ins Innere der Fähre setzen können ohne die Aussicht zu genießen. Wie schnell das Außergewöhnliche doch zur Routine wird.
Die hell erleuchteten Hochhäuser bilden auf dem dunklen Wasser eine neue, ganz eigene Welt. Diese spiegelt eine Wärme wieder, die die Stadt auf den ersten Blick gar nicht ausstrahlt. Endlich atme ich Luft ein, die nicht mehr so stickig ist, wie in den Gassen der Wolkenkratzer.
Die rechteckigen Lichter werden kleiner und kleiner, bis man die Hochhäuser schließlich zwischen den Fingern halten kann. Um alle Stockwerke zu überblicken, muss man den Blick nicht stetig nach oben richten, sondern kann ihn einfach gerade halten.
Wann hast du dich das letzte Mal von der Schönheit überwältigt gefühlt? Wann hast du das letzte Mal gelacht, bis die der Bauch wehtat? Wann hast du das letzte Mal einfach das gemacht, was du wolltest, ohne auf die anderen zu hören?
Für mich wird es wieder Zeit. Die Freiheitsstatue weist mir den Weg und ich drehe mich um. Wende mich ab von den anziehenden Leuchttürmen Manhattans, hin zur anderen Seite, in die Dunkelheit.

Rechteckige Lichter

Nächster Stopp: New York

Sonnenuntergang

Das Flugzeug setzt sich in Bewegung. Endlich. Seit stunden bin ich schon unterwegs und bereits so fertig, dass es unglaubwürdig scheint, dass die eigentliche Reise noch gar nicht begonnen hat. Eine Stewardess, deren Lippenstift so perfekt auf ihre Uniform abgestimmt ist, dass ich mich instinktiv für meinen unordentlichen Zopf und meinen Schlabberpulli schäme, beginnt mit der Sicherheitseinweisung. Wie immer versuche ich mir alles genau einzuprägen, aber wie sonst auch, bin ich zu aufgeregt und habe Minuten später schon wieder alles vergessen. Wir werden schon nicht abstürzen. Hoffentlich.
Das Flugzeug wird schneller, immer und immer schneller. Meine Finger krallen sich um die Armlehne und ich schließe meine Augen. Schlagartig wird mein Vertrauen in die Technik kleiner. In dem Moment, in dem das Flugzeug den Bodenkontakt verliert, fühlt es sich an, als würde etwas in mir nach unten fallen, während der Rest von meinem Körper fliegen will. Gleichzeitig steigt etwas in mir empor – Anspannung und Erleichterung, Freude und Traurigkeit, Verunsicherung und Entschlossenheit. Gefühle, die nicht zusammenpassen wollen und trotzdem perfekt harmonieren. Die Heftigkeit, mit der ich plötzlich wieder empfinden kann, erschrickt mich. Ich schlucke und öffne meine Augen genau in dem Moment, in dem die Anschnallzeichen ausgehen. Das Ausgehen der Warnleuchte scheint auch die verknoteten Gefühle in meiner Brust zu lösen. Oder zumindest zu lockern.
Weit unter mir gleitet die Welt entlang. Es tut gut zu merken, wie sich immer mehr Kilometer zwischen mich und mein gewohntes Leben schieben. Ich bleibe sitzen und starre unentwegt aus dem Fenster. Ich bin auf dem Weg nach Amerika. Und auf dem Weg zu mir selbst ein kleines Stückchen weiter, das hoffe ich zumindest. Der erste Stopp wird New York sein. Genau, Stopp ist das richtige Wort – ein Stopp des Stresses, der Sorgen, vielleicht ein Stopp der Selbstzweifel. Ein paar Tage Großstadtluft schnuppern, so sieht der Plan aus. Dann weiter, egal wohin, Hauptsache ans Meer. Weitere Pläne gibt es nicht, außer, dass ich Plätze sehen will, die mich spüren lassen, wie klein ich und meine Probleme doch sind. Am besten ganz viele davon.
Verbleibende Flugzeit: 7 Stunden, informiert mich das Display vor mir. 7 Stunden, um mich zu überzeugen, dass ich schon klarkommen werde, das erste Mal so weit weg von zu Hause. 7 Stunden, um mir einzureden, dass ich das Richtige tue. 7 Stunden, um mir vorzuspielen, dass das, was ich mache, kein Weglaufen ist.

Flugzeugfenster